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Mit dem Meer hatte ich in meiner Kindheit ungefähr so viel zu tun, wie ein Wüstenkamel mit dem Permafrostboden. Ich bin im Südwesten von Deutschland aufgewachsen, irgendwo zwischen Rhein und Schwarzwaldtannen. Die Nordsee war genauso weit weg wie die Adria. Die wunderbar engagierte Tanja Praske, die die Blogparade „Europa und das Meer „ begleitet, hat mich allerdings angeregt, meine persönliche Beziehung zum Meer in Worte zu packen. Mehr als 100 Blogger haben bei der Blogparade mitgemacht, die einzelnen Beiträge findet Ihr unter #DHMMeer. Oder Ihr fahrt gleich nach Berlin. Die Ausstellung „Europa und das Meer“ ist noch bis Anfang 2019 zu sehen.

Das Meer füllt mein Bankkonto

In meiner Kindheit war mir das Meer fern. Seit einigen Jahren lässt mich das Meer jedoch nicht mehr los: Es fasziniert mich, lässt mich schwelgen, träumen – und füllt sogar mein Bankkonto. Das klingt seltsam? Mag sein. Aber ich verdiene mein Geld damit, andere Menschen für das Meer zu begeistern. Ich schreibe und aktualisiere nämlich Reiseführer. Meist über Kroatien (1244 Inseln, von denen mir einige Inselchen, Riffe und Eilande noch fehlen!), aber auch über Slowenien (46,6 Kilometer Küstenlänge!) und Russland (Black & White: Weißes Meer und Schwarzes Meer!).

Meer bei Opatija
Das kroatische Meer hat es mir besonders angetan, auch wenn das Ufer in Beton gegossen ist (Foto: Veronika Wengert).

Das Meer hat viele Farben

Konkret bedeutet das, dass das Meer seit einigen Jahren für mich nicht einfach nur blau ist, sondern viele Farbnuancen hat: Türkisblau schimmert das Wasser in der Blauen Grotte auf der dalmatinischen Insel Biševo, in der sich das Sonnenlicht an der Wasseroberfläche bricht – und die Höhle in einen unwirklichen Blauton taucht. Kristallklar ist das Meer in Kroatien fast überall, wo Sonnenanbeter ihr Handtuch auf großen Felsblöcken ausbreiten und kleine Krebse zwischen Steinritzen verschwinden. Also dort, wo es keinen Sandboden gibt, der das Wasser trübt. Und smaragdgrün? Eher im Hinterland, der slowenische Fluss Soča oder die Plitwitzer Seen mit ihren Sinterterrassen – sie schimmern vielerorts in einem faszinierenden Grünton. Also in jenem vielzitierten Smaragdgrün (Ja, echt! Keine Reiseführer-Phrase! Fahrt hin, schaut es Euch an!).

Auf einigen Inseln gibt es auch Sandstrände.
Ab auf die Insel – Kroatien hat mehr als 1000 zu bieten (Foto: Veronika Wengert).

Mein russisches Meer

Meinen ersten Reiseführer habe ich aktualisiert, als ich mehrere Jahre in Moskau gearbeitet habe. Klar, darin ging es um Russland. Etwa um die „Badewanne der Russen“, also Sotschi am Schwarzen Meer, mit seinem schroffen Hinterland, das wohlbetuchte Gäste zum Heli-Skiing am Nachmittag lockte. Also morgens Baden und nachmittags Skifahren mit Helikopter-Sprung auf einen schneebedeckten Gipfel…

Ich bin auch ans Meer bei Kaliningrad gefahren, dem alten Königsberg, das große Mengen Bernstein birgt. Im klapprigen Lada eines Bekannten war es nur ein Katzensprung bis zum früheren Seebad Cranz und der Kurischen Nehrung mit ihrer unglaublich feinsandigen Dünenlandschaft, die ich heute noch vor mir sehe.

Bei Sankt Petersburg schwappt das Meer fast bis in die Stadt hinein. Oder andersrum: Die Newa ergießt sich dort in die Ostsee, unzählige Brücken spannen sich über den Fluss. Und klar, da darf die Phrase „Venedig des Nordens“ nicht fehlen. Abgedroschen, doch irgendwie wahr. Und einfach nur schön. Am besten gefallen mir die großen Brücken in St. Petersburg nachts: Dann werden sie hochgekurbelt, damit die großen Schiffe die Newa bis zur Meer passieren können. Wer in Partylaune zu spät dran ist und es nicht mehr auf die andere Flussseite schafft, muss einige Stunden ausharren, um im Morgengrauen über die wieder heruntergelassene Brücke zu spazieren.

Dann gibt es noch mein „russisches Meer“ bei Uljanowsk, wo ich als Studentin mehrere Wochen ein Praktikum gemacht habe. So braungebrannt wie dort war ich selten wieder: Die späten Nachmittage, nach Feierabend, verbrachte ich am breiten Wolga-Strand: Vor mir dieser unendlich weite Fluss, dazu Dauerbeschallung mit russischer „Popsa“, Popmusik im Stampf-Takt, vom Kiosk herüber, an dem die jungen Russen ihr Baltika tranken und nach genügend Bier einfach lostanzten. Als ich aus Russland wiederkam, nahm mir niemand meine Wolga-Bräune ab. „Du warst doch in Russland und bist so knackig braun, hä?“.

Dann hat mich mein Job in Moskau auch ans Weiße Meer geführt, zu Djed Moros, dem russischen Väterchen Frost. Der lebt nämlich in Archangelsk. Nun ja, es ist einer von (mindestens!) drei Weihnachtsmännern, die es in Russland gibt. Mein Weihnachtsmann lebte in einem Holzhaus, mit weißem Wattebart und einem Hügel im Garten, auf dem Kinder rodeln konnten. Doch halt, was hat Djed Moros nun mit dem Meer zu tun? Nun ja, ich erinnere mich, dass ich an jenem Nachmittag noch am Meer spazieren gegangen bin. Es war aber nicht das Meer, es war die Nördliche Dwina, die hier in ein weites Flussdelta mündet – und fast wie ein Meer wirkt. Im Sommer ist diese Promenade ein wundervoller Flirt-Spot, im Winter fand ich es bei minus 20 Grad Celsius und Polarwind einfach nur kalt, kalt, kalt. Ah, und natürlich gefroren.

Dubrovnik von oben
Vom Meer umspült: Die Altstadt von Dubrovnik in Kroatien (Foto: Veronika Wengert).

Mein Zagreber Meer

Da mag ich doch lieber den Süden. Im Sommer ging es immer zur Verwandtschaft nach Kroatien, doch die lebt nicht am Meer, sondern in Zagreb. Später habe ich dort fast sieben Jahre verbracht. Die Bewohner der kroatischen Hauptstadt müssen nicht erst zwei Stunden mit dem Auto ans Meer fahren, sondern haben auch ihr „Zagreber Meer“, den Jarun. Das ist ein künstlicher See, der für die Universiade 1987 angelegt wurde. An warmen Tagen herrscht dort fast mediterranes Flair: Schon im Frühjahr, wenn die Sonnenbrillen nicht mehr von den Nasenflügeln wegzudenken sind, beginnt das „Meer-Feeling“ am Jarun. Wer einen Platz mit „Meerblick“ ergattert, kann sich glücklich schätzen: Perfekt, um den Sonntagnachmittag beim People watching zu verbringen, natürlich mit einer Kava, einem Espresso. Mediterranes Feeling in der Großstadt, das geht.

Piran in Slowenien
Piran ist ein wunderbares slowenisches Küstenstädtchen mit venezianisch geprägten Altstadtgassen (Foto: Veronika Wengert).

Mein slowenisches Meer

Die Kroaten spotten gerne über ihre slowenischen Nachbarn, die nur über einen 46,6 Kilometer langen Küstenstreifen verfügen. Aber was für einen! An diesem erstrecken sich mehrere wunderbare kleine Städtchen wie Koper, Piran oder Izola mit venezianischen Gassen. Dort wird Espresso mit Blick auf weiße Segelboote getrunken, die auf dem Wasser schaukeln. Piran ist das wohl schönste Städtchen von ihnen, mit bunten Fassaden und – bei klarem Wetter – mit Blick bis zu den Alpen! Ein Kurztrip ans slowenische Meer? Ok. Aber den kompletten Sommerurlaub dort verbringen? Wo Kroatien doch 1244 Inseln hat? Meine Begeisterung für Slowenien sorgt bei meinen kroatischen Freunden und Verwandten oftmals für Kopfschütteln. „Und warum kommen die Slowenen dann zu uns, wenn es dort so schön sein soll?“, fragte mich ein ehemaliger Nachbar in Zagreb. Hmm. Hinfahren, anschauen – und Dahinschmelzen, genau wie ich, war mein Rat. Ob er ihm jemals gefolgt ist, bezweifle ich allerdings.